Meditationsweg Sonnengesang

Meditationsweg

Einführung

Drei Grundmotive liegen dem Meditationsweg Michelstadt- Rehbach zugrunde: einmal soll zeichenhaft zum Ausdruck kommen, dass das geistliche Zentrum (fast 500 Jahre Kloster) der Einhardsbasilika fortgesetzt wird. Der Meditationsweg beginnt bewusst an dieser alt-ehrwürdigen Stätte (erbaut um 825: Dann soll dem Erholungssuchenden im Raum Michelstadt – Erbach – Bad König die Möglichkeit gegeben werden, anhand der zehn Strophen des sogenannten Sonnengesangs des hl. Franziskus über Gott, den Schöpfer, und seinen Geschöpfen in Ehrfurcht und Dankbarkeit tiefer nachzudenken, d. h. zu meditieren. Für das leibliche Wohl der Touristen ist in unserer schönen Gegend reichlich gesorgt, doch es wird zu wenig auf die geistlichen Bedürfnisse der Erholungssuchenden eingegangen. Dies ist ein seelischer „Lehrpfad“, der auch den meditativen Bereich des Menschen anspricht. Und schließlich ist dieser Weg ein Beitrag zum Umweltbewusstsein. Wenn wir wieder mehr Achtung vor Gott, dem Schöpfer und allen seinen Geschöpfen als religiöse Menschen bekommen, dann werden wir auch wieder mehr für die uns umgebende Natur tun, in dem Bewusstsein, dass wir Menschen Teil eines großen Schöpferplanes sind. Zerstören wir die Schöpfung, von der wir Menschen ganz abhängig sind, dann zerstören wir uns selbst.
Beim Sonnengesang steht Gott im Mittelpunkt der Betrachtung. Jede Strophe beginnt mit „Gelobt seist du, mein Herr …“ Der Mensch und die andere geschöpfliche Natur sind hineingenommen und verwoben in ein allumfassendes Ganzes. Der übermächtig gewordenen Glaube an die Technik und eine nie da gewesene Machbarkeit haben in einer industriellen Wohlstandsgesellschaft den Menschen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Doch dieser 2babylonische Turm“ gerät immer mehr ins Wanken und droht ohne religiöses Fundament einzustürzen. Eine tiefsitzende ökologische Krise hat die Fortschrittsgläubigkeit einer Konsumgesellschaft zum Nachdenken gebracht. Bescheidenheit und Verzicht, Miteinander – teilen und Demut, Gebet und Meditation werden die Grundhaltungen der Zukunft sein, wollen wir aus dem Teufelskreis von missbrauchter Macht, Egoismus und Überheblichkeit herauskommen.titel1
Franziskus nennt alle Geschöpfe im Sonnengesang seine Geschwister. Wir sind mit ihnen „verwandt“, sie gehören zu uns, und wir zu ihnen. Der Baum, das Wasser, die Vögel, die Ameise, der Käfer, die Blume, die Luft und die Ozonschicht – alle Geschöpflichkeit gilt es zu hegen, zu pflegen und zu schützen anstelle von beherrschen, ausbeuten und quälen. Begriffe wie „Ehrfurcht“ oder „Bewahrung der Schöpfung“ dürfen keine Worthülsen bleiben. Ehrfurcht ist ein anderes Wort für Liebe. Die Geschöpfe wieder lieben lernen, wie wir selbst geliebt werden möchten, diesem Anspruch müssen wir uns immer mehr stellen, wollen wir auf Zukunft hin überleben. Der „Nächste“ aus der Bibel, das ist richtig verstanden auch die gesamte Natur. Dies ist mehr als eine pragmatische Öko-Bewegung, die zwar schon Bewusstseinsänderung erzeugt hat, aber noch längst nicht die Wurzeln der Problematik menschlichen Seins erreicht hat. Die verschmutzten Gewässer, die verpestete Luft und der marode Baum sind eine Folge dieser verschmutzten Seelen. Findet der Mensch wieder zur inneren Harmonie, dann wird er auch wieder äußerlich ins Gleichgewicht kommen. Das, was den Indianern und Naturvölkern so heilig war, dies wird eine weithin auf Profit ausgerichtete Kultur im Umdenken, Umhandeln und in Umkehr – Programmen wieder übernehmen müssen. Nicht den Fortschritt gilt es zu verdammen, sondern die mangelnde Fähigkeit, damit in der rechten und behutsamen Weise umzugehen. „Zurück zur Natur“ ist weit mehr als die schwärmerische Anwandlung, begründet in einer Feld – Wald – Wiesen – Idylle. Nicht der Mensch und die Natur dürfen Trennendes verstärken, sondern der Mensch als Teil dieser Natur, als Geschöpf Gottes – wird wieder zu den Quellen eines großen Schöpfer- Planes finden müssen.
Als Franziskus den Sonnengesang in Assisi dichtete, war er bereits blind. Schmerzen, Niedergeschlagenheit und Zweifel plagten ihn. Er befand sich 1225 nicht in einer schwärmerischen Hochstimmung, sondern im Angesicht des nahen Todes schrieb er diesen wunderbaren Hymnus als Lobpreis Gottes durch die Geschöpfe. Franziskus war alles andere als der so gern zitierte „Bruder Immerfroh“. Die Missstände im Orden, der Machtmissbrauch einer Oberschicht (Majores), die eine Unterschicht (Minores) knechtete, ja auch die Krise seiner Mutter Kirche haben ihn zutiefst zermürbt und erschüttert. Weit entfernt von Schwärmerei und Weltfremdheit komponierte er die zehn Strophen eines universalen Gesangs.
Er kann auch uns Heutigen Hilfe und Stütze sein, nämlich wieder zum Wesentlichen – zur Mitte – zu finden. Gleicht doch der Mensch einem ins Trudeln und außer Kontrolle geratenem Raumschiff, das der unbedingten Kurskorrektur bedarf, damit es nicht seine eigentliche Bestimmung verfehlt. Der Meditationsweg kann ein kleiner Impuls sein zum Nachdenken, zum Anregen und zur konkreten Tat. Er wurde am Pfingstsonntag (7. Juni 1992) eingeweiht, dem „Fest des Heiligen Geistes“. Pfingsten bedeutet vom Ursprung her Aufbruch – Umbruch und Erneuerung. Dies wünsche ich allen, die den „Weg“ einmal gehen werden: Geistige, leibhaftige und geistliche Erneuerung im ganz umfassenden menschlichen Sinn. War es ein Zufall, dass just in jener Pfingstwoche der sog. „Erdgipfel“ (Umweltgipfel) in Brasilien in Rio de Janeiro stattfand? Nie zuvor haben sich Vertreter aus so vielen Ländern zusammengesetzt und haben über die Zukunft der Menschheit und den ganzen Kosmos nachgedacht. Dort wurde bekannt gegeben und veröffentlicht, dass täglich 140 Arten, (im Jahr 50000) verschwinden, d. h. nicht mehr existent sind. Müsste uns so eine Nachricht nicht gewaltig unter die Haut gehen? Oder werden wir erst empört und zum Handeln bereit sein, wenn sich die „Art“ Mensch schließlich selbst ausrottet? Müssen erst Hautkrebs durch das Ozonloch den alarmierenden Anfang der Selbstzerstörung signalisieren? Wir alle sind gefragt und nicht nur die Politiker und Verantwortlichen der Industriekonzerne. Jeder, der eine leere Büchse in den Straßengraben wirft, ist ein potentieller Umwelt – Sünder. Gehen wir im Frühjahr, wenn das Gras noch nicht gewachsen ist, einen Straßengraben entlang, so sehen wir, wie verschmutzt dieser durch achtlos weggeworfene Gegenstände ist. Unsere häuslichen Vorgärten hegen und pflegen wir mit pedantischer Gründlichkeit. Wenn es aber um Allgemeingut geht, dann sind wir gleichgültig, rücksichtslos, wenn die „Vorgärten“ der Straßen zu Müllhalden umfunktioniert werden.
Noch ist es Zeit zum Handeln, obwohl ökologische Schäden unübersehbar sind. Das Leben des heiligen Franziskus aus Italien kann eine Lebensperspektive sein, aus dem Dilemma der ökologischen Krise herauszukommen. Bis auf den heutigen Tag ist eine der franziskanischen Säulen die freiwillig gewählte Armut. Nicht das Elend der Armen, das die Menschen versklavt, sondern die Freiheit aus einem christlich gelebten Glauben auf der Grundlage des Evangeliums könnte die Menschen aus der Gleichgültigkeit, aus der Verantwortungslosigkeit und dem unbändigen Konsumverhalten herausreißen. Der „Arme aus Assisi“ hat uns vorgelebt, mit welcher Radikalität man an die Probleme der Menschheit herangehen muss, um Veränderung zu erreichen. Veränderung der Verhaltensweisen kann aber nur von innen heraus geschehen, und zwar eine Veränderung der Herzen, die dann wiederum eine Veränderung der todbringenden Systeme zur Folge haben wird. Hierbei sind alle Weltreligionen gefragt, und das, was sie zu vermitteln haben. Papst Johannes II. hat in diesem Jahr (1993) erneut Assisi zu einem Welt – Gebetstreffen ausgewählt, um deutlich zu machen, wie sehr die Menschheit in „einem Boot“ sitzt und auf Zusammenarbeit und Solidarität angewiesen ist. Die Regionalkonflikte von Mittelitalien aus dem 13. Jahrhundert gleichen denen aufs Haar an der Schwelle vom ausgehenden 19. zum anbrechenden 20. Jahrhundert. Lediglich die Dimensionen haben heute weltweite, d. h. kosmische Ausmaße angenommen. Es bleibt zu hoffen, dass sich genügend vernünftige und einsichtige Menschen finden, die in Verantwortung vor Gott und der ganzen Schöpfung durch konkretes Handeln eine neue Weltordnung begründen, die versöhnt und im Frieden mit der Natur eine Katastrophe verhindern wird.

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