Sonnengesang 1

Geschichtlicher Hintergrund

An den Kirchen von Assisi fallen die prächtig gestalteten Fensterrosen über dem Eingang auf. Man käme in Verlegenheit, wenn man sagen müsste, welche die schönste ist, die von Santa Chiara, von San Rufino oder von San Franceso. Sie behaupten alle drei durchaus ihren Platz neben den schönsten Fensterrosen Europas, denen von Chatres, Paris, Lausanne und Beauvais. Sie verkörpern die Summe technischen Könnens und philosophischen Denkens in der Blütezeit des abendländischen Mittelalters. Ausgeklügelte Zahlensymbolik und hochkomplizierte Geometrie wirken zu einem Abbild des Kosmos zusammen, zum Spiegel der ewigen Schöpfung, zur Verkörperung göttlichen Geistes und allumfassender Liebe. Sie verbinden die Symbolgestalt des Kreises und des Rades mit der erblühten Rose und der strahlenden Sonne. Und die Sonne ist Sinnbild Christi, der „Sonne der Gerechtigkeit“. In Assisi, der Stadt mit diesen Fensterrosen, entstand das bekannteste Lied und Gebet des größten Sohnes dieser Stadt, der Sonnengesang (wir folgen hier dem Bericht Celanos).franz1
Auf den ersten Blick erscheint der Sonnengesang als ein harmloses, romantisches Lied über die schöne Natur. Zu leicht wird vergessen, dass er ein Lobeshymnus auf den Schöpfer ist. Und – er ist aufgebrochen aus der Tiefe einer unvorstellbaren Krise: der Mann der das singt, ist schwerkrank, völlig erschöpft und beinahe blind.
Dieses Sonnenlied ist das erste Gedicht und Lied in der italienischen Sprache, und zwar in der umbrischen Volkssprache – bisher war alle Dichtung in Italien nur in der lateinischen Sprache abgefasst. Es ist das bekannteste Gebet des Heiligen aus Assisi, ein hymnisch begeistertes Beten und Singen in Form religiöser Lobpreisung.
Franziskus sang es, als er im Herbst des Jahres 1225, also nach seiner Stigmatisation, schwerkrank daniederlag – nach dem Bericht Celanos in einer Hütte an der Klostermauer von San Damiano, unterhalb von Assisi, nach seiner schmerzhaften Augenoperation. Die Strophe über den Frieden verfasste Franziskus, als er zwischen Bürgermeister und Bischof Frieden stiften wollte. Die Strophe über den Tod fügte er bei, als er seines bevorstehenden Tode gewiss war.
Während seiner Krankheit dichtete und komponierte Franziskus eine ganze Reihe von Liedern. Singend haben die Brüder von ihm gelernt, singend sie weitergegeben. Und wenn er nicht singen konnte, ließ er sich von den Brüdern vorsingen, und sandte sie, auch anderen vorzusingen. Er wollte, wie er einmal sagte, dass die physischen Leiden sich in Trost und Freude des Geistes verwandeln. Von diesen Liedern ist uns nur der Sonnengesang erhalten geblieben, und auch von ihm nur der Text, nicht die Melodie. Wann der Text zuerst schriftlich aufgezeichnet wurde, ist nicht mehr genau auszumachen, auch nicht, wie er ursprünglich gesungen wurde, die Melodie ist mit der Zeit verloren gegangen. Der älteste uns erhalten gebliebene Text stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Eine angemessene dichterische Wiedergabe des Liedes in eine andere Sprache ist nicht ganz einfach – darum auch die verschiedensten Versuche einer deutschen Übersetzung. „Laudato si, mi signore, per sora luna e le stelle …“ Gelobt seist du, mein Herr, durch (und für) Schwester Mond und die Sterne …“
Mancher kann mit dem Sonnengesang nichts anfangen. Ist er nicht zu sehr Zeugnis für das Erwachen des Naturgefühls beim mittelalterlichen Menschen? Ist die Sicht der Welt, die sich in ihm ausdrückt, uns heute noch möglich? Wir leben nicht in einer heilen Welt – können wir noch in den Jubel des Poverello mit einstimmen?
Wenn Papst Johannes Paul III. am 29. November 1979 den Armen aus Assisi „als himmlischen Patron des Umweltschutzes“ proklamiert hat, dann nicht, um sich an Ideologien anzuhängen, sondern um einen wichtigen Anstoß zu geben. Franziskus hat uns mit dem Sonnengesang zwar keine Anleitung hinterlassen, wie man die Umwelt schützen und den Fortschritt planen kann, ohne unsere Natur zu zerstören. Aber die Grundzüge seines Menschen- und Weltbildes können und sollten auch uns heute etwas sagen.

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