Worte von Frére Alois

Worte von Frére Alois, dem Prior von Taizé am 1. Januar 2015 in Prag im St. Veits-Dom anlässlich des Europäischen Jugendtreffens (Auszüge)-   Sechs  Vorschläge auf dem Weg  zur christlichen Einheit

Für uns Christen stellt sich eine dringende Frage: Wie können wir durch unser Leben zeigen, dass die Einheit möglich ist, ohne unsere Verschiedenheit zu leugnen?

Es wird zwischen Christen immer Unterschiede geben, die uns herausfordern offen miteinander zu sprechen; gleichzeitig können diese Unterschiede aber auch eine gegenseitige Bereicherung sein. So stellt sich die Frage: Ist es nicht an der Zeit, unsere Identität vorrangig darin zu sehen, dass wir Getaufte sind? Diese Tatsache ist uns allen gemeinsam und sie vereint uns in Christus bereits?

Müssten die christlichen Kirchen heute nicht das Wagnis eingehen, sich unter ein gemeinsames Dach zu begeben –noch bevor in allen theologischen Fragen eine Einigung erzielt ist?…

Christus schenkt die Einheit wann und wie er will. Aber wie sollte sie er uns schenken können, wenn wir sie nicht gemeinsam erwarten? Als die Apostel mit Maria unter einem Dach beisammen waren, empfingen sie die Gabe des Heiligen Geistes. Und der Heilige Geist führt auch uns trotz unserer Unterschiede zusammen.

Was können wir tun, um uns unter ein gemeinsames Dach zu begeben? Ich möchte dazu sechs Vorschläge machen:

Innerhalb unserer Ortsgemeinden können wir uns zwischen Nachbarn und Familien unter ein Dach begeben-wie eine Basisgemeinde- um gemeinsam zu beten, um uns gegenseitig zu helfen und einander vertrauter zu werden.
Zwischen vielen Ortsgemeinden verschiedener Konfessionen bestehen bereits eine gemeinsame Bibelarbeit, ein gemeinsamer Sozial-und Seelsorgedienst sowie ein gemeinsamer Religionsunterricht. Diese Zusammenarbeit könnte noch verstärkt werden. Jede Gemeinde könnte mit den Christen der anderen Konfessionen alles, was gemeinsam getan werden kann, auch gemeinsam tun, und nichts mehr unternehmen, ohne die anderen mit einzubeziehen.
Wir sind heute Abend in diesem wunderbaren Dom zusammen gekommen. Könnte nicht auch in vielen anderen Städten  der Dom oder die Hauptkirche zu einem Haus des Gebetes für alle Christen der Stadt werden?
Der theologische Dialog muss weitergehen! Könnte er nicht noch mehr im Rahmen eines gemeinsamen Gebetes geführt werden, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir bereits beisammen sind? Dort, wo man zusammenlebt, und gemeinsam betet, werden auch die theologischen Fragen anders gestellt. Vielleicht gilt dies in gleicher Weise für das Nachdenken in ethischen Fragen.
Alle Glaubenden haben Anteil an der seelsorglichen Gabe, füreinander Sorge zu tragen. Die Familie der Christen, die Kirche, braucht ebenfalls auf allen Ebenen ein Dienstamt der Einheit. Das Dienstamt der Gemeinschaft auf Weltebene ist traditionellerweise mit dem Bischof von Rom verbunden. Könnte man ihn nicht als den Diener anerkennen, der für die Eintracht seiner Brüder und Schwestern in ihrer großen Verschiedenheit Sorge trägt? Wäre es nicht vorstellbar, dass die einzelnen Kirchen auf unterschiedliche Weise an dieses Dienstamt gebunden sind?
Müssten die Kirchen, die darauf bestehen, dass für den gemeinsamen Kommunionempfang die Einheit im Glauben und das Einverständnis über die Dienstämter Voraussetzung sind, nicht mit ebenso großem Nachdruck auf die Einmütigkeit in der geschwisterlichen Liebe bestehen! Könnten sie also nicht denen, die ihre Sehnsucht nach Einheit bekunden und an die Realpräsenz Christi glauben, eine weitreichendere eucharistische Gastfreundschaft  anbieten! Die Eucharistie ist nicht nur der abschließende Höhepunkt der Einheit, sondern auch der Weg zu ihr.

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